Der Mann stammt aus dem Chemiebaukasten

Testosteron bestimmt den Mann und Tobias Bückleins Kabarett-Programm 

„Uh, uh, uh, uh, uh“, tönt das Publikum gleich einer wilden Affenhorde. Tobias Bücklein hat den Ur-Instinkt geweckt. Der Konstanzer Kabarettist präsentiert vor den entfesselten Zuschauern die Bilder männlich-mächtiger Kühlerhauben. Ur-Instinkt und Automobile? „Testosteron“ bringt zusammen, was zusammen gehört. 

Ironisch, nachdenklich oder einfach nur blödelnd, wühlt sich der Musiker und Entertainer in seinem aktuellen Programm durch die Höhen und Tiefen des Mannseins. Kein Klischee wird ausgelassen, kaum ein Männer-Frauen-Witz ausgespart. Die Pointen und Wendungen sind dabei so unerwartet wie treffend, dass dem Publikum manchmal fast das Lachen im Halse stecken bleibt.  

Über dem gesamten Kabarett-Programm schwebt ganz filigran die Formel C19H28O2 – die chemische Bezeichnung für das Männlichkeitshormon Testosteron. Die biologische Determinante dient dem Pfarrerssohn Bücklein als augenzwinkernde Entschuldigung für alle Typisch-Mann-Phänomene, die er nacheinander mit großer Spiellust auf die Bühne und durch den Kakao zieht.  

Wie die Moleküle aus dem Chemiebaukasten setzt Tobias Bücklein einzelne Szenen, Musikeinlagen und Typenstudien zu seiner ganz speziellen, humoristischen Bühnenformel für den Mann zusammen. Seine Rollenspiele führen ihn vom biologistisch geprägten Höhlenmenschen bis zum feministisch überformten Neuen Mann. Er nähert sich den Männlichkeitsbildern von allen Seiten und mit multimedialem Einsatz, um sie schlussendlich als aufgeblasene Selbstinszenierungen zu entlarven, aus denen er dann ganz genüsslich die Luft raus lässt. 

Zwischen den einzelnen Szenen schwingt sich der studierte Musiker auf den Klavierhocker, greift in die Tasten und singt dazu gerade so wie Udo Jürgens. Bei dessen Titel „Ich war noch niemals in New York“ findet Bücklein ein interessantes Männerbild. Und auch wenn das Publikum zweifelt, das hat der Schlager-Sänger im Original tatsächlich so gesungen. Noch mehr zum Thema Mann findet Bücklein bei Rilke, Brecht, Goethe oder etwa dem Deutsch-Rapper Thomas D., an deren Texten er sich frech und frei bedient. Was diese Herren noch nicht zu Papier gebracht haben, ergänzt der Kabarettist durch Eigenkompositionen. Sein Song „Mein Laptop und ich“ zum Beispiel durchleuchtet endlich das diffizile Beziehungsgeflecht zwischen Mann und Technik.    

Am Ende des Abends steht fest: Ein Volvo V70 hat – obwohl Familienkutsche – eindeutig als überaus männliches Auto zu gelten, der „Neue Mann“ ist leider auch keine Lösung und so ein Testosteron-Hormon hat wirklich vertrackt viele Wasserstoffmoleküle. Aber Tobias Bücklein hat schließlich nie behauptet, es sei leicht, ein Mann zu sein.

(Janina Eisele)